A Maze. 2019: Games-Festival in Berlin (Claudius Clüver)

Games-Festivals sind sehr inspirierend, erhellend, dabei allerdings überwältigend. Auf der A MAZE. 2019 traf das insbesondere zu. Es fiel mir insgesamt schwer, mich auf Spiele einzulassen – gerade solche, die es erfordern, sich ganz eintauchen zu lassen oder eine längere Zeit zu investieren. (ich habe kein einziges VR-Spiel ausprobiert.) Das Gute daran ist, dass ich mich besonders mit Spielen beschäftigt habe, die ich auch im Alltag spielen würde: kleine, experimentelle, seltsame Spiele. Spiele, die auf den ersten Blick zeigen, dass sie anders sind als andere, die zeigen, dass „Witz“ am Werk ist. Ebenso Spiele, die von der ersten Sekunde an Spaß machen. Solche Spiele bieten eine bereichernde Erfahrung, auch wenn ich nur, sagen wir, 20 Sekunden lang ins Spiel springe, ein paar Dinge ausprobiere.

Besondere Highlights sind für mich dabei persönliche Spiele wie Fantastic Fetus und Consume Me, die lokale-Multiplayer-Katzen-Party Sticky Cats, die Game-Gedichte von Project.99, darüber aber noch der Kölner GameJam-feel-good-Plattformer Derpy Conga. Vielleicht plauderte ich noch kurz mit den Entwicklern bevor ich weiter ging.

Das Plaudern war für mich das zweite Stichwort der Amaze: Vielleicht ist das immer so in Berlin, aber ich bin noch nie auf einer Veranstaltung so oft und so leicht mit Leuten ins Gespräch gekommen. Leute neben mir drehten sich einfach zu mir um und fragten mich, wo ich her komme und was ich von der Veranstaltung hielte – oder sie erklärten mir ihr Game. Diese Leute habe ich über den Tag immer wieder getroffen, sie haben sich immer wieder auf ein Gespräch eingelassen. Ein völlig Fremder erklärte mir bereitwillig die hübschen Game-Werbesticker auf seinem Laptop, nachdem ich ihn fragte. Zwei Freund:innen habe ich dort wieder getroffen, eine zufällig, einen unzufällig. (Also verabredet – Danke für den Hinweis auf das Festival!) Einer der neuen Freunde ließ mich und den Freund, mit dem ich dort verabredet war, seinen Prototypen spielen. Die schönste Überraschung erwartete mich am Stand für afrikanische Spiele, als mir einer der Präsentierenden dort die Spiele erklärte, bis ein anderer mich ansprach und mich nach meinem Namen fragte – weil er mich spontan mit wenigen Strichen skizziert hatte! Das alles machte den Aufenthalt sehr angenehm wie auch emotional nährend, dabei anstrengend. Gerade, weil die meisten Gespräche auf englisch waren – nicht so sehr anstrengend, weil ich kein Englisch könnte, vielmehr wegen des Findungsmoments zu Beginn vieler Situationen, ob jetzt Deutsch oder Englisch zu sprechen sei.

Was das „Networking“ angeht, war der Workshop zu Gewerkschaften ihn der Spieleindustrie am ergiebigsten, Vernetzung, die sich mal für alle lohnt. Ich bin gespannt, was sich auf diesem Gebiet noch ergibt. Als nächstes werde ich herausfinden, ob darüber schon jemand in den Game Studies geschrieben hat.

Insgesamt war ich in einem Zustand der unaufhörlichen, wenn auch unaufgeregten ästhetischen Begeisterung. Ein starker Ausschlag der Begeisterungs-Nadel war, als ich darauf hingewiesen wurde, dass Anita Sarkeesian ein Stück weiter IN meinem SICHTFELD stand. Mein emotionaler Zustand sprudelte über, indem ich die verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen, die ich für potenziell interessiert hielt, von Anfang an mit Fotos und einzeiligen Erlebnisberichten versorgte. In der Messenger-Gruppe der studentischen Spieleinitiative USK57 war zumindest die Reaktion auf Anita Sarkeesian und Derpy Conga in meinen Augen angemessen.

Die Athmosphäre war auch deswegen willkommen heißend, weil es sichtbare Vielfalt unter Besucher:innen, Moderator:innen und Team gab. Von sprachlichen Findungsmomenten habe ich bereits berichtet; ich habe Polen kennen gelernt und einen Briten, der in Deutschland lebt, der Gastgeber der Award Show war aus Südafrika, Project.99 aus Südkorea und so fort. Ohne gezählt zu haben, würde ich zwar einen leichten Männerüberhang schätzen, das Geschlechterverhältnis schien aber annähernd ausgeglichen, besonders unter den Moderator:innen. Das einzige, was mir negativ auffiel, war ein etwas niedriger Reflexionsgrad der Milieueinbettung der Veranstaltung: Als Thorsten S. Wiedemann, der Organisator des Festivals, auf der Bühne das Publikum mit „…all you beautiful people“ ansprach, dachte ich: „Stimmt, er hat recht, mir sind heute hier drin nur gutaussehende Menschen aufgefallen.“ Das mag daran liegen, dass es sich um den Kulturbereich in der Hauptstadt handelt oder daran, dass die Karten einen gewissen Preis hatten, der zwar für Studierende günstiger war, aber immer noch nicht günstig – Wo der soziale oder monetäre Eintrittspreis hoch ist, dort finden sich im Schnitt besser aussehende Menschen, denn diese werden im Leben belohnt. In diesem Moment habe ich auf jeden Fall sehr präsent gespürt, dass das hier eben die „schicke“ Games-Veranstaltung in Berlin ist und nicht die „kleine“ in der Provinz. Games-Kunst mit ganz großem K – das Wort „Art-House-Games“ fiel mehr als einmal. Das Elitäre, exklusive Kunstsystem war hier nicht etwas, dass es zu überwinden gilt, sondern etwas, in das Games noch stärker integriert werden wollen. Anders gesagt ließe sich provozieren: Diversity und ökonomische Kritik (Gewerkschaften in der Games-Branche) kommen zwar beide vor, werden aber separat voneinander gedacht. Und teilweise bleiben sie auch separat von ästhetischer Praxis.

Nichtsdestotrotz, ich habe mich selten auf einer kulturellen Veranstaltung so wohl gefühlt. Zum Vibe habe ich schon etwas gesagt, auch der Zeitplan ist zu loben: die verschiedenen Programmpunkte starteten zu unregelmäßigen Zeiten, was aber nicht zu Chaos oder schmerzhaften Entscheidungen führte, sondern eher dazu, dass ich viel mitnehmen konnte und in den Zwischenzeiten viel Zeit hatte, mir die ausgestellten Spiele anzusehen oder mich mit alten und neuen Bekanntschaften zu unterhalten. Die Erfahrung war angenehm, gastlich und intensiv, ich fühlte mich erfüllt mit Inspiration. So erfüllt, dass ich mir die Party ersparte – Ich spazierte lieber in mein Hotelzimmer zurück, um die Erfahrungen zu verarbeiten und mich zu erholen, bevor ich diesen Text auf der Zugfahrt zurück schrieb.

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