{"id":578,"date":"2024-09-06T08:35:33","date_gmt":"2024-09-06T08:35:33","guid":{"rendered":"https:\/\/claudiuscluever.de\/?p=578"},"modified":"2024-09-25T09:37:09","modified_gmt":"2024-09-25T09:37:09","slug":"theoriekrise-kasper-hornbaek-auf-der-mensch-und-computer-2024-in-karlsruhe-1-4-september-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/claudiuscluever.de\/?p=578","title":{"rendered":"Theoriekrise: Kasper Hornb\u00e6k auf der Mensch und Computer 2024 in Karlsruhe 1.-4. September 2024"},"content":{"rendered":"\n<p>Die <em>Mensch und Computer<\/em> ist eine Konferenz zum Thema Mensch-Computer-Interaktion (MCI oder englisch HCI), als Berufsfeld hei\u00dft das User Experience (UX). Auf der Konferenz treffen sich Wissenschaftler\u00efnnen und Praktiker\u00efnnen aus diesem Bereich oder mit Interesse an diesem Bereich. Ich war dieses Jahr als neuer Forscher in der HCI und Sozioinformatik das erste Mal dabei und konnte einiges \u00fcber das Feld und die Kultur im Feld lernen \u2013 das meiste davon diese kleinen Kulturschock-Momente, die schwer zu berichten sind. Insgesamt habe ich mich aber sehr wohl gef\u00fchlt unter meinen neuen Kolleg\u00efnnen, die st\u00e4rker praktisch, technisch und designerisch orientiert sind als meine anderen aus der Medien-, Kultur- und Literaturwissenschaft oder der Kunstgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der ersten Keynote diagnostizierte Kasper Hornb\u00e6k eine &#8220;Theoriekrise&#8221;, was f\u00fcr meine Position im Fach vielversprechend war. Ich kann nat\u00fcrlich nichts \u00fcber Krisen in einem Fach sagen, das mir fremd ist und in dem ich mich gerade einfinde und es steht mir auch nicht zu, den Theoriegebrauch in der HCI zu bewerten. Ich bilde mir nicht ein, sagen zu k\u00f6nnen, was die anderen in diesem Fach gut oder schlecht machen oder was sie besser machen sollten. Was mir liegt und was nicht und was andere besser oder schlechter k\u00f6nnen als ich ist das einzige, was ich von meinem Standpunkt aus grob einsch\u00e4tzen kann. Davon abgesehen: Die Aussage war nicht blo\u00df, dass es eine Theoriekrise in der HCI g\u00e4be, Hornb\u00e6k hat auch erkl\u00e4rt, wo genau er die Probleme sieht und Vorschl\u00e4ge gemacht, wie es besser geht. Davon gebe ich ein wenig wieder, ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit \u2013 ich m\u00f6chte mich nur daran erinnern k\u00f6nnen, was ich jetzt gerade noch gut erinnern kann. Das soll gefiltert sein, deswegen schaue ich dabei nicht in meine Notizen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt &#8220;wegwerf-Zitate&#8221;, ein Problem, das mir auch schon mal aufgefallen ist: Zitate, in denen eine Quelle allgemein und unspezifisch aufgerufen wird, mit einer vagen Handbewegung und nach dem Motto &#8220;also, da steht auch was zu dem Thema&#8221;. Ich w\u00fcrde das gar nicht an die HCI richten sondern allgemein; Solche Zitate gibt es \u00fcberall in der Wissenschaft, wo Leute wenig Zeit haben \u2013 vor allem, bei denen, die sich so etwas leisten k\u00f6nnen. Hornb\u00e6ks Aufruf war, Zitate detaillierter zu machen, zu erkl\u00e4ren, was tats\u00e4chlich wichtig f\u00fcr den eigenen Text ist \u2013 und nicht nur das; Es sei auch wichtig, die zitierte Theorie dann auch zu benutzen, indem der Text erkl\u00e4rt, was genau an der Theorie \u00fcbernommen wird, wie das in die eigene Arbeit eingegangen ist und was genau an der eigenen Arbeit der verwendeten Theorie entspricht. Das hei\u00dft dann auch, diese Impulse in den anderen Abschnitten wieder aufzugreifen und vor allem in der Diskussion der Ergebnisse zu erkl\u00e4ren, wie die Theorie und die eigene Arbeit miteinander in Beziehung stehen \u2013 und zwar spezifisch, und nicht mit einem allgemeinen &#8220;&#8230;wurden inspiriert von&#8230;&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Hinweise sind einerseits gut f\u00fcr mich, weil ich in diesen Dingen meines Erachtens nach gut bin \u2013 und wenn andere im Feld der HCI dort Schw\u00e4chen in kauf nehmen, bedeutet das, dass ich dem Feld etwas bieten kann mit meinem F\u00e4higkeitsprofil.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere haben den Vortrag kritisiert \u2013 besonders der Vorschlag, statt eines Abschnittes mit dem Titel &#8220;Implications for Design&#8221; auch mal &#8220;Implications for Theory&#8221; in Aufs\u00e4tzen zu schreiben traf auf Kritik. Ich fand, das war eine charmante Provokation. Andere haben sich aber sogar dar\u00fcber lustig gemacht, auch Leute, die den Vortrag gar nicht geh\u00f6rt haben. Manche Teile des Vortrags habe ich aber scheinbar nicht mitbekommen. Manche seiner L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge scheinen nicht so toll gewesen sein \u2013 jemand erz\u00e4hlte mir, Hornb\u00e6k h\u00e4tte quantitative Methoden als L\u00f6sung vorgeschlagen. Das habe ich nicht geh\u00f6rt; Vielleicht war ich schon ein bisschen M\u00fcde, vielleicht habe ich gerade nach meinen E-Mails geschaut oder vielleicht habe ich einfach alles ausgefiltert, was mir nicht gefallen hat und nur die Ohren gespitzt, wenn ich was gut fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Aufruf, sich detailliert mit Theorie auseinander zu setzen und darauf zu achten, dass die verschiedenen Abschnitte eines Textes aufeinander Bezug nehmen, finde ich extrem wichtig. Auch sich zu trauen, mal Theorie zu bilden, weiter zu entwickeln oder empirisch zu testen, finde ich gut. Am meisten vermisse ich h\u00e4ufig Theoriearbeit &#8220;in der Mitte&#8221;: Viele benutzen hochfliegende Theorien, die die ganze Gesellschaft und die Welt erkl\u00e4ren (nichts dagegen), und tun nicht viel mehr damit, als sie zu nennen. Andere (und mehr Leute) beschreiben sehr detailliert und abstrahieren kaum von einzelnen Ph\u00e4nomenen. Die Interessante Frage ist: Wie h\u00e4ngen die Ph\u00e4nomene, die ich beschreibe, mit den allgemeinen Strukturen der Welt, Kultur und Gesellschaft zusammen? Was passiert zwischen Theorie und Ph\u00e4nomen? Damit lassen sich Ph\u00e4nomene besser erkl\u00e4ren und Theorien verbessern.<\/p>\n\n\n\n<p>Erg\u00e4nzung 25. September 2024:<\/p>\n\n\n\n<p>Hornb\u00e6k hat seine Folien mit zus\u00e4tzlichen Informationen auf LinkedIn bereit gestellt: <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/posts\/khornbaek_keynoteslides-activity-7236319998992908288-q-hG?utm_source=share&amp;utm_medium=member_desktop\">https:\/\/www.linkedin.com\/posts\/khornbaek_keynoteslides-activity-7236319998992908288-q-hG<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Kritik an Hornb\u00e6k habe ich inzwischen auch geh\u00f6rt: Mehrere Personen merkten an, das Theorie ihrer Meinung nach nicht das zentrale Problem f\u00fcr die Weiterentwicklung der HCI ist. Das kann ich schwer beurteilen, kann mir aber vorstellen, dass es so ist. Nun hei\u00dft ein besserer Umgang mit Theorie ja nicht, dass nichts anderes gemacht wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, ein gro\u00dfes Problem f\u00fcr die Kritik ist, dass f\u00fcr Theorie sehr wenig Platz ist. Wie ein erfahrener Wissenschaftler in anderem Zusammenhang sagte, braucht es daf\u00fcr B\u00fccher \u2013 wenn alle versuchen, CHI-Paper zu schreiben, die k\u00fcrzer als B\u00fccher sind und in denen die Empirie und das Design z\u00e4hlt, ist schlicht kein Platz f\u00fcr gute Theorie. Ein Ansatz w\u00e4ren reine Theorie-Paper, aber ich wei\u00df nicht, wie so etwas in der HCI ankommen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche haben sich an dem Vorschlag aufgeh\u00e4ngt, einen Abschnitt &#8220;Implications for Theory&#8221;, angelehnt an die verbreiteten &#8220;Implications for Design&#8221; in Paper aufzunehmen. Ich denke, so etwas kann im Einzelfall Sinn ergeben, habe das aber auch vor allem als Provokation verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Post auf LinkedIn habe ich die Meinung gelesen, dass Theorie in der HCI, gerade bei Empirie oder in Design-Problemen nicht immer relevant ist. Das mag mehr oder minder stimmen. Wir haben allerdings immer irgendeine Theorie, ein Modell davon, wie die Welt funktioniert und welchen Sinn und Effekt das hat, was wir gerade tun. Ich finde nicht, dass Theorie hinzu gef\u00fcgt werden sollte, sondern dass sie explizit gemacht werden muss. Der Post vermutete, dass Theorie oft verwendet wird, um den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu erwecken und um Prestige zu erheischen. Auch das mag stimmen \u2013 aber meiner Meinung nach ist Wissenschaft ohne gute Theorieanwendung tats\u00e4chlich nur der Anschein von Wissenschaftlichkeit. Arbeitsteilung ist aber notwendig \u2013 nicht jede und jeder muss Theorie in gleichem Ma\u00dfe anwenden, aber eine wissenschaftliche Disziplin ohne Theoriegebrauch ist ein Widerspruch in sich. <\/p>\n\n\n\n<p>Hornb\u00e6k bemerkte au\u00dferdem, dass &#8220;Interaktion&#8221; als zentraler Begriff des Feldes sehr unscharf ist. Das ist f\u00fcr mich der Ansatzpunkt f\u00fcr meine eigene st\u00e4rkste Kritik: Ich denke, das wird mit zentralen Begriffen immer so sein. Ich sehe die Rolle theoretischer Reflexion nicht darin, Begriffe \u00fcbergreifend festzulegen, sondern durch lokale Begriffsarbeit den eigenen Standpunkt im Wissenssystem deutlich zu machen. So kann dann der G\u00fcltigkeitsraum der eigenen Erkenntnisse erkennbar werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mensch und Computer ist eine Konferenz zum Thema Mensch-Computer-Interaktion (MCI oder englisch HCI), als Berufsfeld hei\u00dft das User Experience (UX). Auf der Konferenz treffen sich Wissenschaftler\u00efnnen und Praktiker\u00efnnen aus diesem Bereich oder mit Interesse an diesem Bereich. 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