{"id":126,"date":"2019-05-02T14:36:40","date_gmt":"2019-05-02T14:36:40","guid":{"rendered":"http:\/\/claudiuscluever.de\/?p=126"},"modified":"2023-12-21T11:36:33","modified_gmt":"2023-12-21T11:36:33","slug":"a-maze-2019-die-zweite-tim-glaser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/claudiuscluever.de\/?p=126","title":{"rendered":"A MAZE. 2019 die Zweite (Tim Glaser)"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieses Jahr fand das Festival in den R\u00e4umlichkeiten des SEZ (Kurzform f\u00fcr Sport- und Erholungszentrum) statt, einem fr\u00fcheren DDR Prestigeobjekt, welches nun f\u00fcr Partys und andere Veranstaltungen genutzt wird. Das Geb\u00e4ude passte in der Mischung aus fr\u00fcherem Glanz und aktueller Kaputtheit zum Feeling des Festivals, war aber einfach zu kalt f\u00fcr den ausbleibenden Fr\u00fchling. Die offene Gestaltung f\u00fchrte dazu, dass es teilweise schwer fiel, den Vortr\u00e4gen zu lauschen, da gleichzeitig die Ger\u00e4usche von verschiedenen Spielen und Gespr\u00e4chen mit zu h\u00f6ren waren. Von den architektonischen T\u00fccken abgesehen, gab es viele M\u00f6glichkeiten zu spielen, aber auch zu sehen, h\u00f6ren, wundern, fragen, lachen, verwirrt sein oder \u2013 was mehr als einmal genannt wurde \u2013 being amazed.<\/p>\n\n\n\n<p> Die Atmosph\u00e4re des<em> <a href=\"https:\/\/www.amaze-berlin.de\/\">A MAZE<\/a><\/em> l\u00e4sst sich irgendwie in der Schnittstelle zwischen Indie-Film\/Galerie\/Kunstfestival, Berlin-Hipster-Party (vor allem zur sp\u00e4teren Stunde), <em><a href=\"https:\/\/events.ccc.de\/\">Chaos Communication Congress<\/a><\/em> Hacker-Ethos (es wird gebastelt) und Workshop\/Tagung finden. Je nach eigenen Interessen sowie Tageszeit. Teilweise scheint das <em>A MAZE<\/em> auch die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen solcher (sub)kultureller Treffen zu \u00fcbernehmen, auf der einen Seite die Diversit\u00e4t von Besucher_innen und Spielen \u2013 auf der anderen Seite das Gef\u00fchl von einem opaken Micro Kosmos, der sich nicht immer gleich offen anf\u00fchlt. Dazu sp\u00e4ter noch einmal mehr, zuvor einen Blick auf Highlights, Lowlights und alles dazwischen.<\/p>\n\n\n\n<p> Gleich im Eingangsbereich, nachdem man die pastellfarbenen Eintrittsb\u00e4nder erh\u00e4lt, steht <em><a href=\"https:\/\/agaitcheson.itch.io\/the-book-ritual\">The Book Ritual<\/a><\/em><a href=\"https:\/\/agaitcheson.itch.io\/the-book-ritual\"> <\/a>von Alistair Aitcheson \u2013 eine fesselnde und fressende Erfahrung. Das Spiel erinnert an einen <em>Dating Simulator<\/em>, nur spricht man mit einem Buch, welches man aus dem verf\u00fcgbaren Stapeln ausw\u00e4hlen darf und auf der Suche, dem Buch menschliche Emotionen zu vermitteln, wird es langsam an einen Papierwolf verf\u00fcttert, beschrieben und durchgestrichen. Eine Mischung aus destruktiver Lust und merkw\u00fcrdiger emotionaler Verbindung macht das Spiel au\u00dfergew\u00f6hnlich, da es gleichzeitig als experimentelle Installation (f\u00fcr Menschen die B\u00fccher lieben vielleicht sogar Grenzerfahrung) funktioniert, als auch als narrative Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p> \u00dcberhaupt scheinen viele Spiele auf der <em>A MAZE<\/em> von der Umgebung und der Art und Weise, wie sie pr\u00e4sentiert werden, zu profitieren. Auch wenn es \u2013 wie Claudius schon angemerkt hat \u2013 schwer ist, sich auf die Spiele einzulassen, wenn man gleichzeitig die Gef\u00fchle von sensorischer \u00dcberw\u00e4ltigung, sozialen Miteinander und terminlichem Stress in Gleichgewicht bringen m\u00f6chte, so schaffen es manche Spiele in dieser Atmosph\u00e4re zu gelingen. <em><a href=\"https:\/\/angelawashko.com\/section\/437138-The-Game-The-Game.html\">The Game: The Game<\/a><\/em> von Angela Washko kann man dazu z\u00e4hlen. Zugegeben warte ich seit einigen Jahren auf das Spiel und habe <a href=\"https:\/\/media.ccc.de\/v\/35c3-10024-tactical_embodiment\">ihren Vortrag auf dem letztj\u00e4hrigen <\/a><em><a href=\"https:\/\/media.ccc.de\/v\/35c3-10024-tactical_embodiment\">CCC<\/a><\/em><a href=\"https:\/\/media.ccc.de\/v\/35c3-10024-tactical_embodiment\"> (zum Thema Tactical Embodiment)<\/a> mit Interesse verfolgt, aber zuzusehen, wie \u2013 in einem lokalen live let\u00b4s play \u2013 andere Besucher_innen sich durch die absurde, gruselige, aber auch witzige Welt von seduction coaches\/pick-up artists schl\u00e4ngeln ist einfach lustig, und erschreckend, im rapiden Wechsel.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"https:\/\/media.ccc.de\/v\/35c3-10024-tactical_embodiment\/oembed\" allowfullscreen=\"\" frameborder=\"0\"><\/iframe>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><em>Tactical Embodiment<\/em>: Angela Washko auf dem 35. Chaos Communication Congress (2018)<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite steht <em><a href=\"http:\/\/www.399d-23h-59m-59s.com\/\">The Longing<\/a><\/em> von Studio Seufz aus Stuttgart, einem idle game, dass idle ernst nimmt. 400 Tage in Echtzeit dauert es, bis der K\u00f6nig erwacht und so lange hat man als Schatten die Aufgabe den Schlaf zu bewachen und kann dabei \u2013 in \u00e4u\u00dfert bed\u00e4chtiger Langsamkeit \u2013 durch die Zimmer, G\u00e4nge und Gem\u00e4cher des K\u00f6nigreichs laufen, Musik spielen, Bilder malen und warten. 400 Tage lang. Immerhin laufen diese auch ab, wenn das Spiel geschlossen wird. Ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl von Entschleunigen in einem hektischen Festival.<\/p>\n\n\n\n<p>Claudius erw\u00e4hnte schon das Party-Sofa-local-Multiplayer-Chaos-Game <em><a href=\"http:\/\/stickycatsgame.com\/\">Sticky Cats<\/a><\/em>, welches, nicht \u00fcberraschend, den Publikumspreis abr\u00e4umen konnte. Dar\u00fcber hinaus gab es mit <em><a href=\"http:\/\/blabyrinth.com\/\">Blabyrinth<\/a><\/em> nicht nur ein weiteres local-Multiplayer Spiel, das einen Preis gewinnen konnte (Human Human Machine Award), sondern auch eine wirklich abwechslungsreiche Runde bot. Das Spiel versteht sich selbst als Escape-Room-Game, erinnert aber in der Graphik eher an Zelda und spielt sich etwas wie ein verr\u00fccktes durcheinander-Brettspiel, in dem Figuren R\u00e4tsel l\u00f6sen, Gegenst\u00e4nde tragen und Fallen entsch\u00e4rfen m\u00fcssen. Unterhaltsames Durcheinander ist schon im Tutorial-Level garantiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Allgemein funktionieren bei meinem schon nach einigen Stunden \u00fcberreizten Kopf vor allem die kleinen Formate, wie die Hypertalks am Freitag. Acht Vortr\u00e4ge, jeweils f\u00fcnf Minuten, verschiedene Ideen treffen aufeinander \u2013 wie <a href=\"https:\/\/aaasoftwa.re\/\">Jessica Palmer<\/a>, die in <em>Observing Humanity thru the Lens of The Sims&#x2122;<\/em> \u00fcber die Auswegslosigkeit ihrer Figuren spricht. Sie kann K\u00fcnstler einsperren, damit sie endlos Kunstwerke erzeugen, Vampire und andere Monster spielen, aber nicht aus dem dominanten System des Hyperkapitalismus aussteigen. Klingt etwas zu real.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider scheint es, dass alles gleichzeitig und fast zu viel stattfindet \u2013 am Abend geht dies weiter. Nach den Vortr\u00e4gen, Workshops und anderen Angeboten gab es Live Musik, unter anderem von <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/T.Raumschmiere\">T.Raumschmiere<\/a><\/em>, der aus Samples \u2013 unter anderem Schreie aus der Crowd \u2013 und verschiedenen Ger\u00e4tschaften und Instrumenten Musik schaffte, die mit der Grenze von Tanzbarkeit spielte. Ob das der Spiel Bezug war?<\/p>\n\n\n\n<p>Weniger \u00fcberzeugen konnten mich in den drei Tagen die Virtual-Reality-Installationen und Spiele, vielleicht weil ich das Gef\u00fchl habe, dass ich immer wieder mit \u00e4hnlichen Prinzipien und \u00c4sthetiken hantiere, vielleicht auch, weil ich nach einem Vortrag von Jennifer deWinter  auf der diesj\u00e4hrigen <a href=\"http:\/\/southwestpca.org\/conference\/\">SWPACA<\/a><em>&#8211;<\/em>Tagung das Gef\u00fchl nicht loswerde, dass ihre Kritik an VR zutrifft. Sie legte nah, dass der Fokus auf Sichtbarkeit als Zugang zu einer anderen Realit\u00e4t in der europ\u00e4ischen Tradition liegt, das Auge als prim\u00e4res Sinnesorgan zu verstehen und damit eine sehr einschr\u00e4nkte Form von \u201evirtueller\u201c Realit\u00e4t konstruiert wird. Und obwohl eine VR-Installation den Boden ausgelegt hatte mit angenehmen Matten, bleibt irgendwie ein Gef\u00fchl von Reduktion zur\u00fcck. Vielleicht w\u00e4re mir das anders ergangen, wenn ich die M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tte <em><a href=\"http:\/\/huldufugl.is\/kassinn\">Kassinn<\/a><\/em> von Huldufugl zu testen, dem Gewinner des Most Amazing Game Awards. In diesem Projekt wird VR und Theater verbunden zu einer Echtzeit-Performance \u2013 leider war die Anzahl der Menschen, die das erleben konnten, begrenzt und ich habe es verpasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir von dieser Begrenzung zur\u00fcck zur berechtigten Kritik von Claudius, dass das <em>A MAZE<\/em> zwar vielf\u00e4ltige Spiele, Kunstwerke, Performance, Vortr\u00e4ge und Party anbietet, aber diese Vielfalt wiederum verschlossen wird und als Teil einer im gewissen Sinne elit\u00e4ren (oder hipster?) Subkultur auftritt \u2013 eben f\u00fcr die \u201ebeautiful people\u201c oder alternative Crowd. Die \u201eArt-House-Games\u201c, wie der Gr\u00fcnder Thorsten S. Wiedemann auf der B\u00fchne die Szene nannte, als er zur Award Show eine Rede hielt. Und diese Inszenierung k\u00f6nnte eine gewisse kritische und politische Haltung \u00fcberdecken und ausblenden, Zitat Claudius: \u201eDiversity und \u00f6konomische Kritik (Gewerkschaften in der Games-Branche) kommen zwar beide vor, werden aber separat voneinander gedacht. Und teilweise bleiben sie auch separat von \u00e4sthetischer Praxis.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle mich dabei etwas hin und her geworfen, weil ich diese Kritik teile und generell und f\u00fcr das <em>A MAZE<\/em> unterschreibe \u2013 ich aber gleichzeitig nicht genau wei\u00df, wie viel der Inszenierung wiederum wichtig ist, um das eigene \u00dcberleben zu sichern (als Teil der <em><a href=\"https:\/\/www.gamesweekberlin.com\/\">Gamesweek<\/a><\/em>, wie auch in deutschen Spielelandschaft). Das <em>A MAZE<\/em> Festival bewegt sich \u2013 so scheint es mir \u2013 auf der Linie zwischen Kunstmarkt, Indie-Game-Szene und anderen alternativen Str\u00f6mungen im Bereich Computerspiel. Die Gr\u00fcndung des Festivals liegt nach dem Boom der Indie Szene nach 2007\/2008 und lebt sicherlich auch davon, dass  \u00f6ffentliche und private Sponsoren so ein Festival als relevant betrachten, als spannende Ideenschmiede, in denen Innovationen geboren werden, die dann vielleicht kulturelles Kapital oder monet\u00e4res Kapital abwerfen k\u00f6nnen. Vielleicht liegt hier das Problem von solchen (subkulturellen, alternativen, ?) Veranstaltungen, dass die Art und Weise, wie hier Wertsch\u00f6pfung betrieben wird, trotz des Anrufs an \u201eGemeinsamkeit\u201c (\u201e&#8230;all you beautiful people\u201c) eher verborgen stattfindet. Dass die Verleihung von Preisen, das Ausstellen von Kunstwerken nicht nur Selbstzweck ist, um die Kreativit\u00e4t der Szene zu feiern, sondern auch, weil Wertung ein wichtiges Element von M\u00e4rkten ist. Vielleicht ist die Unklarheit, welche Kapitalformen erschaffen werden, einer der Gr\u00fcnde, aus dem die Diversit\u00e4t und medien\u00f6konomische Kritik schwer zusammen zu bringen sind \u2013 wenn f\u00fcr die Eigenst\u00e4ndigkeit von Art Games als Kunstform argumentiert wird, f\u00e4llt vielleicht unter den Tisch, dass der Kunstmarkt eine der reinsten Formen neoliberaler Logik darstellt. (Leider habe ich den Games-Gewerkschaft-Workshop verpasst \u2013 vielleicht n\u00e4chstes Jahr)<\/p>\n\n\n\n<p>Das\n<em>A MAZE<\/em> war amazing \u2013 aber auch ein Irrgarten. Ich bin schon\ngespannt, wie es sich n\u00e4chstes Jahr wird. Es war sch\u00f6n, bekannte\nGesichter zu treffen, teilweise erwartet, teilweise vollkommen\nunerwartet. Anderen Besucher_innen zuzusehen, Begeisterung und\nVerwirrung mitzuerleben, mit Designer_innen und K\u00fcnstler_innen zu\nsprechen \u2013 das <em>A MAZE<\/em> bietet nicht nur viel an, sondern\nzeigt auch viele Wege auf, in denen sich Computerspiele noch\nentwickeln k\u00f6nnen und das allein war den Besuch wert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Jahr fand das Festival in den R\u00e4umlichkeiten des SEZ (Kurzform f\u00fcr Sport- und Erholungszentrum) statt, einem fr\u00fcheren DDR Prestigeobjekt, welches nun f\u00fcr Partys und andere Veranstaltungen genutzt wird. Das Geb\u00e4ude passte in der Mischung aus fr\u00fcherem Glanz und aktueller Kaputtheit zum Feeling des Festivals, war aber einfach zu kalt f\u00fcr den ausbleibenden Fr\u00fchling. Die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[22,20,10,9,7,15,13,21,25,19,6,17,26,4,12,23,18,11,8,27,3,5,14],"class_list":["post-126","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","tag-amaze","tag-anita-sarkeesian","tag-art","tag-art-house-games","tag-athmosphaere","tag-berlin","tag-computerspiele","tag-consume-me","tag-derpy-conga","tag-diversity","tag-erfahrungsbericht","tag-event","tag-fantastic-fetus","tag-festival","tag-games","tag-gewerkschaft","tag-kritik","tag-kultur","tag-kunst","tag-project99","tag-sticky-cats","tag-veranstaltung","tag-vr"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/claudiuscluever.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/claudiuscluever.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/claudiuscluever.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/claudiuscluever.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/claudiuscluever.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=126"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/claudiuscluever.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":397,"href":"https:\/\/claudiuscluever.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126\/revisions\/397"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/claudiuscluever.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=126"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/claudiuscluever.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=126"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/claudiuscluever.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=126"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}